Was ist eigentlich Mediation?

Was ist eigentlich Mediation?

Ein Artikel von Michael Kirchhoff
Mediator, Profiler & Autor

Als ich vor Kurzem in der Stadt (ich lebe in Hamburg) meine Freundin Frauke traf und ihr sagte, dass ich auf dem Weg zu einem Praxis-Kurs in Mediation sei, meinte sie: „Ich hab’ davon schon gehört. Ich weiß, dass es nicht um Yoga geht.“ Fügte sie hinzu und grinste mich an. Stimmt, denn: Wesentlich an der Mediation ist das fehlende „t“ – das wäre sonst MediTation. Mediation aber hat nichts mit „Om“ und Yoga zu tun. Es geht in Wahrheit um Konfliktmanagement. Und Konflikte begegnen uns täglich.

Wenn ich diese Erklärung hinzufüge, kommt dann manchmal die Antwort: „Dazu brauch ich doch keinen Manager, das mache ich jeden Tag im Büro! Außerdem: Streit schlichten kann doch jeder!“ Im Prinzip stimmt das. Diese Fähigkeit haben wir tatsächlich alle. Der Unterschied zu den Profis ist schlicht, dass die Profis die Fähigkeiten bewusst einsetzen, wo Untrainierte eher instinktiv reagieren. Und manchmal, wenn man mit dem Kollegen heillos zerstritten ist, braucht man einen Profi, der nicht Partei ergreift und der den Überblick behält.

Ein Mediator bekommt eine intensive Ausbildung im Konfliktmanagement. Er lernt Methoden und Vorgehensweisen, die eine Lösung wahrscheinlicher machen und vor allem: Nachhaltiger. Was nützt mir die beste Lösung, wenn der Konflikt nach drei Wochen wieder ausbricht? Der Profi setzt die antrainierten Methoden zielgerichtet ein, wo ein Privatmensch eher instinktiv reagiert und sein Potential aus dem Bauch heraus nutzt. Der Profi hört auf seinen Bauch und nutzt den Kopf.

Wenn der Vorgesetze im Büro eine Mediation vorschlägt, dann ist oft die erste Befürchtung der Mitarbeiter, dass der Konfliktmanager die Interessen des Chefs vertritt. Dadurch ist man versucht sich instinktiv zu rechtfertigen. Tatsächlich jedoch ist der Mediator jemand, der nicht auf einer Seite steht oder gar am Ende ein Urteil fällt. Im Grunde hilft er den Beteiligten dabei, ihre eigene Kompetenz zu nutzen und zu einer gemeinsamen Lösung zu finden. Das Fällen von Urteilen ist dabei völlig fehl am Platze, das wird den Gerichten überlassen. Wichtig ist zu verstehen, dass die Lösung allein von den Konfliktparteien kommt. Der Mediator unterstützt lediglich den Lösungsprozess. Denn niemand kennt sich im Konflikt besser aus, als die Konfliktparteien. Also ist es nur natürlich, dass sie auch die Lösung liefern.

Ein weiteres Phänomen, das oft in Firmen auftaucht, ist, dass anstehende Konflikte unter den Teppich gekehrt werden, weil jeder nett sein möchte und sich gerne kollegial verhält. Das ist, für sich genommen, eine wundervolle Motivation, die am Ende für eine Konfliktlösung sogar wichtig ist. Was hilft, ist die Erkenntnis, dass man sich in der Mediation zwar mit den Konflikten beschäftigt, aber eher die Lösung fokussiert und nicht das Problem verstärkt. Diese Lösungsfähigkeit haben wir alle von Geburt an. Wir nutzen sie täglich in allen möglichen Situationen. Wenn Sie sich mit Ihrem Lieblingskollegen streiten, werden Sie nicht wochenlang ihr Schicksal betrauern, sondern sich mit ihm aussprechen. Oft betrachten wir Konflikte als etwas Negatives, denn eigentlich wollen wir alle nur freundliche Menschen sein. Konflikte sind aber nichts Negatives, sie sind eine Chance zu wachsen, sich zu entwickeln und zusammen zu wachsen als Team. Damit das gelingt wird ein Mediator beauftragt, der den Lösungsprozess im Blick behält. Darin ist er trainiert und ausgebildet. Man könnte einen Mediator auch als Verhandlungsprofi bezeichnen. Das Wissen, das wir alle bereits haben und oft instinktiv einsetzen, nutzt der Profi bewusst und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit einer Lösung. Er präsentiert keine Lösung auf dem Silbertablett, sondern unterstützt alle Beteiligten mit ihrer eigenen Kompetenz eine Übereinkunft zu finden. Er hilft bei der Selbsthilfe. Diese Konfliktlösungskompetenz kann man lernen.

Wenn wir verärgert sind, haben wir oft unseren Zorn im Fokus. Bei Verhandlungen ist es wichtig alle Beteiligten im Blick zu haben. Wenn der Mediator mit einer der beiden Konfliktparteien redet, hat er auch immer ein Auge auf die andere Konfliktpartei. Das ist gar nicht so einfach. Deshalb achtet ein Mediator bewusst auf Hinweise, wie es den Beteiligten gerade geht.

Wie läuft nun eigentlich so eine Konfliktlösung ab? In der Regel trifft sich der Mediator zum Vorgespräch einzeln mit beiden Konfliktparteien. Hier taucht man in die Situation ein und klärt, ob wirklich ein ernsthaftes Interesse an einer Lösung besteht. Wenn alle an einer Lösung arbeiten wollen, geht es meistens am nächsten Tag los.

Man schaut sich gemeinsam an welche Themen es gibt. Hat man sich auf die wichtigsten Themen geeinigt, stellt jede Konfliktpartei die Situation aus ihrer Sicht dar. Der Mediator übernimmt dabei die wichtige Aufgabe auch die Aspekte wiederzugeben, die man als Konfliktpartei schnell einmal übersieht. Letztendlich klärt man die eigentlichen Interessen hinter den geforderten Positionen. Ein Beispiel aus dem Berufsalltag: In einer Firma wird eine weitere Etage angemietet und die Sitzordnung verändert. Kollege Meier, Stabsmitglied und Verantwortlicher für Personalentwicklung, wird ungefragt in die dunkelste Ecke des Büros, genau neben das Chefbüro gesetzt. Damit ist er sehr unzufrieden, zumal er dort alleine sitzt und nur ein kleines Fenster hat, durch das kaum Tageslicht herein kommt. Er möchte gerne woanders sitzen. Die Chefs jedoch bestehen auf die neue Sitzordnung. Hier treffen zwei Positionen aufeinander, die scheinbar unvereinbar sind. Meier will woanders sitzen, die Chefs wollen das nicht. Nun könnten die Chefs einfach eine Anordnung aussprechen. Der Effekt wäre ein Gefühl der Gekränktheit und Unzufriedenheit. Ein Mediator versucht in dieser Situation die eigentlichen Interessen und Bedürfnisse hinter den Positionen zu erkennen. Herr Meier will etwas Tageslicht haben, weil er sonst schwermütig wird. Außerdem hat er gerne sozialen Kontakt während der Arbeit. Die Chefs hingegen schätzen die Expertise von Herrn Meier und möchten ihn gerne in der Nähe haben um sich immer kurz mit ihm austauschen zu können. Dadurch, dass beide Parteien das eigentliche Bedürfnis des Anderen sehen, können Sie eine eigene Lösung finden.

Durch den Fokus auf das eigentliche Interesse sieht man plötzlich, was eigentlich hinter der Auseinandersetzung steht. Oft entsteht hier ein tieferes Verständnis für die andere Seite, denn durch den Mediator gelingt es leichter die eigene Sichtweise zu verlassen und alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. So kommt man einer Lösung viel näher. Wichtig dabei ist: Die Lösung kommt nicht vom Mediator, sie kommt von den Konfliktparteien und ist das, was alle Beteiligten wirklich möchten. Es sind die Vorschläge der Beteiligten, die die Lösung erst tragfähig machen. Genau diese Lösungen kommen in eine Abschlussvereinbarung. Der Mediator ist also eigentlich ein Prozess-Experte, der den Konfliktparteien bei ihrer eigenen Lösungsfindung hilft. Die eigentlich Experten und Macher sind die Konfliktparteien.

Als ich kurze Zeit später Frauke wiedertraf und ihr mehr über Mediation erzählte, wollte sie gleich wissen, was sie denn in einem Konflikt anders machen könne. Sie wollte unbedingt einen Trick für den Alltag lernen. Ich erklärte ihr die Methode des aktiven Zuhörens.

Aktives Zuhören

Das aktive Zuhören ist eines der wichtigsten Werkzeuge eines Konfliktmanagers und in seiner Bedeutung gar nicht zu überschätzen. Wir achten dabei auf das, was unser Gegenüber erzählt und wie er sich dabei fühlt. Ein paar Bestätigungszeichen wie Kopfnicken und ein dezentes „aha“ zeigen dem Gesprächspartner, dass wir voll bei der Sache sind. Hat er zu Ende gesprochen, beginnen wir das Gesagte in unseren eigenen Worten zu wiederholen und umschreiben dabei auch, wie wir sein Gefühl beim Erzählen erlebt haben. Man kann zum Beispiel mit Phrasen beginnen, wie: „Wenn ich dich richtig verstanden habe, …“ oder „Sehe ich das richtig, …“. Dabei können wir den Inhalt entdramatisieren. In einem Streit kochen die Emotionen gerne hoch. Das ist menschlich und ok. Als Konfliktexperte versucht man, der Aufregung nicht zu folgen, sondern die Dramatik beim Wiederholen des Gesagten raus zu filtern. Wenn wir den Ärger 1 zu 1 wiedergeben würden, würde bei der anderen Konfliktpartei nur ein Vorwurf ankommen. Auf Vorwürfe reagieren die meisten Menschen mit Widerstand. Wenn wir aber die innere Haltung durch eine entspannte Umschreibung nachvollziehbar machen, dann öffnen wir Türen und ermöglichen gegenseitiges Verständnis. Ein weiterer Punkt: Manchmal liegen wir mit dem, was wir gehört haben falsch. Das kommt vor und liegt daran, dass wir nicht genau verstanden haben, was die Absicht unseres Gesprächspartners war. In dem Fall bekommen wir nach dem Umschreiben von ihm eine Rückmeldung und können so sicher gehen, dass wir genau das verstehen, was er meint.

Also nochmal zusammengefasst:

  1. Aufmerksam zuhören
  2. Ab und zu Bestätigungssignale geben
  3. Umschreiben und Wiedergeben von Gesagtem und Gefühltem
  4. Feedback anhören
  5. U. Korrigieren des Gesagten

Aktives Zuhören sollte man trainieren. Es erfordert viel Übung bis es flutscht. Aber das schöne ist: Wir haben jeden Tag viele Möglichkeiten dazu. Probiert es einfach mal in Eurem Alltag aus. Der Effekt ist, dass unser Gegenüber sich verstanden fühlt. So wird er sich leichter öffnen und man fühlt sich verbundener.

Internationale Mediationstage

Wollt Ihr Mediations-Experten jeglicher Fachrichtung treffen und von ihnen lernen. Wollt Ihr Euch mit ihnen austauschen oder könnt Ihr Euch vorstellen sogar selbst einen Kurs mitzumachen? Dann habe ich einen Tipp: Vom 28.1. bis 30.1.2016 finden in Hamburg die 15. Internationalen Mediationstage statt. Das ist eine hervorragende Gelegenheit zu netzwerken. Hier könnt Ihr die führenden Experten live treffen, euch mit ihnen austauschen und neues lernen. Ich werde selbst auch dort sein.

Ihr könnt mich auch anrufen oder eine Mail schicken, wenn Ihr Fragen habt oder von mir als Mediator begleitet werden wollt. Kontaktinformationen findet Ihr auf meiner Website: www.kirchhoff-consulting.org .

Mehr Informationen zu den 15. Internationalen Mediationstagen findet Ihr auf:

Michael’s online-Seminar

Michael’s Buch

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